Landesfischereiverband Brandenburg - Berlin

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Presseservice - statistische Eckdaten zu Angel-/Erwerbsfischerei und Fischzucht im Land Brandenburg für das Jahr 2015 haben wir unter diesem Link zusammen gestellt

 

 

Vogel des Jahres 2010: Der Kormoran

geschrieben von Lars Dettmann (l.dettmann)
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 Kormoran und Fischerei         

Der bis Ende der 80'er Jahre vergleichsweise seltene Kormoran legt in der Folge intensiver Schutzbemühungen und drastisch reduzierter Umweltbelastungen einen gewaltigen Populationszuwachs an den Tag. Von knapp 11.000 Brutvögeln im Jahr 1989 steigt der Bestand kontinuierlich an und erreichte im Jahr 2008 fast die Marke von 50.000 brütenden Vögeln. Mit dem Brutgeschäft beginnen Kormorane ab dem dritten Lebensjahr. Bezieht man die noch nicht am Brutgeschäft beteiligten Vögel mit ein, leben in Deutschland gegenwärtig etwa 140.000 Kormorane. Hinzu kommt eine Vielzahl von Durchzüglern und Wintergästen, die sich von


September bis März an unseren Gewässern aufhalten. Mit der beschrieben Bestandszunahme ist die Wieder- und Neubesiedlung von Gebieten verbunden, in denen der Kormoran über Jahrzehnte bzw. noch nie vertreten war. An sich auf den ersten Blick also eine Erfolgsgeschichte für den Artenschutz, die sich sehen lassen kann. Warum wurde daraus jener Konflikt, der als absolutes Negativbeispiel für den Umgang mit einer ehemals schutzbedürftigen Art immer wieder für Schlagzeilen sorgt?

Als obligatorische Fischfresser sind Kormorane darauf angewiesen, ihren Nahrungsbedarf aus Küstengewässern, Flüssen, Seen und Teichen zu decken. Das Beutespektrum der Vögel variiert je nach Zusammensetzung des Fischbestandes und der Struktur des jeweiligen Gewässers. Daraus ergeben sich zwangsläufig Wechselwirkungen und Konkurrenzsituationen. Diese haben in Bezug auf den Kormoran eine andere Qualität, als bei den übrigen fischfressenden Tierarten an und in unseren Gewässern. Der Grund dafür ist die Kombination von extremer Mobilität und enormer Effektivität bei der Jagd. Gefangen und gefressen wird, was am einfachsten und schnellsten zu erreichen ist. Ist der Fischbestand in einem Gewässer so weit dezimiert, dass die Jagd dort uneffektiv wird, ziehen die Kormorane zum nächsten Gewässer. Wie effektiv Kormorane ein für sie interessantes Gewässer nutzen, zeigt sich in der Karpfenteichwirtschaft. Hier sind die Satzkarpfen im zweiten Aufzuchtjahr die ideale Beute. Ohne effektive Vergrämungsaktionen ist hier ein Totalverlust des Fischbestandes vorprogrammiert. Aber selbst unter Ausnutzung aller zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Abwehr von Kormoranen in Teichwirtschaften, bleibt es bei ganz erheblichen Schäden. Die Karpfenteichwirtschaft hat in Europa eine lange Tradition. Auf der Basis langjähriger Erfahrungswerte rechnete man bis Anfang der 90'er Jahre bei der Aufzucht von Karpfen in Teichen mit normalen Verlustraten von 70% im ersten, 30% im zweiten und 10% im dritten Aufzuchtjahr. Diese Zahlen spiegeln die unterschiedliche Empfindlichkeit der verschiedenen Altersgruppen gegenüber der Summe aller Umweltfaktoren im und am Teich wieder. Darin enthalten war auch der zu der Zeit gegebene und als normal angesehene Verlust durch fischfressende Tierarten wie Fischotter und Graureiher. Mit der Zunahme der Kormoranbestände wendete sich das Blatt. Nach einer Erhebung des Landesfischereiverbandes Brandenburg / Berlin e.V. lagen die Verlustraten in Karpfenteichwirtschaften des Landes Brandenburg im Jahr 2008 bei 82% im ersten, 62% im zweiten und 28% im dritten Aufzuchtjahr. Diese zusätzlichen Verluste addieren sich zu einem Gesamtschaden von mehr als 1,2 Mio. Euro, den die Teichwirte aus der eigenen Tasche zahlen müssen. Vor dem Hintergrund solcher Zahlen ist es mehr als unverständlich, wenn angebliche Naturschützer behaupten, ein erheblicher fischereiwirtschaftlicher Schaden durch den Kormoran sei bisher nicht nachgewiesen. Zu diesen unmittelbaren Verlusten kommen Folgeschäden, die in ihren Auswirkungen nicht weniger dramatisch sind. Im Idealfall produziert eine Teichwirtschaft ihre eigenen Satzfische. Wo das möglich ist, kann auf den problematischen Zukauf von Satzfischen verzichtet werden. Bei dem genannten Verlustniveau von durchschnittlich 62 % allein im zweiten Aufzuchtjahr ist eine gesichterte Satzfischproduktion in Teichen nicht mehr realisierbar. In der Folge müssen die Teichwirte die fehlenden Satzfische von anderen Kollegen zukaufen. Weil alle die gleichen Probleme haben, besteht seit Jahren nicht nur in Deutschland ein akuter Mangel an Satzfischen. Brandenburger Teichwirtschaften kaufen deshalb inzwischen schon Satzkarpfen bei tschechischen Fischzüchtern. Dieser erzwungene Fischhandel mit inzwischen europäischen Dimensionen eröffnet der Einschleppung von Fischkrankheiten Tür und Tor. Die Ausbreitung des Koi-Herpesvirus in Karpfenbeständen und die damit verbundenen massiven Fischverluste in betroffenen Teichen ist die logische und zugleich katastrophale Konsequenz einer aufgezwungenen Abkehr von der traditionellen Teichbewirtschaftung. Die Folgen sind derzeit noch nicht absehbar. Es steht jedoch ausser Frage, dass unter ihnen auch der Naturschutz zu leiden hat.

Teichgebiete sind als ökologisch besonders wertvolle Lebensräume das Kernstück zahlreicher Natur- und Vogelschutzgebiete. Dieser Status resultiert allein aus der nachhaltigen Bewirtschaftung durch die Teichwirte. Allein diese Bewirtschaftung stellt sicher, dass die Teichlandschaften auch weiterhin erhalten bleiben. Wo der Teichwirt aufgibt, verschwindet innerhalb weniger Jahre auch der Teich (Link). Die Erreichung von Schutzzielen durch den Naturschutz ist auf Gedeih und Verderb davon abhängig, dass ein Teichwirt vor Ort ist und seine Arbeit verrichtet. Dieser Teichwirt ist wiederum zwingend darauf angewiesen, mit seiner Arbeit einen Ertrag zu realisieren, von dem er am Ende tatsächlich leben kann. Mit den gegenwärtigen Verlustraten und dem akuten Risiko der Einschleppung von Fischkrankheiten ist eine betriebswirtschaftlich nachhaltige Fischproduktion in Teichen nicht mehr machbar. Die Erträge reichen bereits jetzt nicht mehr, um alle Kosten zu decken. Angesichts der Risiken im Zusammenhang mit dem Koi-Herpesvirus wäre die Bildung von finanziellen Rücklagen für den Ernstfall zwingend notwendig. Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Situation unserer Teichwirtschaften ist das jedoch völlig illusorisch. Wer sich heute auf der Seite des Naturschutzes einer nachhaltigen Reduzierung der Kormoranbestände in Europa verweigert, gefährdet somit den Fortbestand unserer Teichlandschaften. Da mehr als 90% der Brandenburger Teichflächen als FFH-Gebiete gemeldet wurden, gilt für sie ein Verschlechterungsverbot. Will man dieses Verschlechterungsverbot tatsächlich umsetzen, müssen gemeinsame Wege zur drastischen Reduzierung der von Kormoranen angerichteten Schäden in den Teichwirtschaften gefunden werden.

Alle bisher getesteten Abwehrmöglichkeiten an den Teichen selbst, führen bei erheblichen Kosten und ebenso erheblichen ökologischen Nebenwirkungen nur zu einer teilweisen Verringerung der Schäden. Das Einhausen von Teichen zur Abwehr nicht nur von Kormoranen hat sich in Untersuchungen des Landesumweltamtes Brandenburg im Jahr 1996 (Link) als die noch effektivste Methode erwiesen. Nachteile sind neben den entstehenden Investitionskosten von ca. 15.000 Euro / Hektar auch die Wirkungen auf andere Vogelarten, die dann ebenfalls den Teich nicht mehr als Lebensraum nutzen können. Wollte man nur 50% der insgesamt mehr als 4000 Hektar Teichfläche durch solche Einhausungen schützen, bräuchte es 30 Mio. Euro zuzüglich der anfallenden Unterhaltungskosten. Damit ist diese Methode schon aus rein finanzieller Sicht nicht realisierbar. Was momentan bleibt, sind Vergrämungsabschüsse in der bisherigen Form. Auch sie verursachen erheblichen Aufwand, verhindern die Schäden in den Fischbeständen nur teilweise und wirken sich nachteilig auf andere Tierarten aus. Von insgesamt 1195 Vergrämungsabschüssen im Jahr 2007 entfielen 1008 auf Karpfenteiche und 187 auf natürliche Gewässer. Auch im Jahr 2008 mit insgesamt 997 Vergrämungsabschüssen lag der Schwerpunkt mit 942 Abschüssen bei den Karpfenteichen. Diese Zahlen zeigen, wo der Schuh tatsächlich drückt. Wer diese Abschüsse kritisiert, sollte in der Lage sein, umsetzbare Alternativen aufzuzeigen. Wer im Land Brandenburg weiter in Teichlandschaften tatsächlich bedrohte Tierarten schützen möchte, sollte umgehend aufhören, in Sachen Kormoran um den heißen Brei herum zu reden. Ohne die Vergrämungsabschüsse wäre Teichwirtschaft lediglich Vogelfütterung. Auch mit den genehmigten Vergrämungsabschüssen sind die Schäden noch so hoch, dass den Betrieben die wirtschaftliche Basis entzogen wird. Die logische Konsequenz ist, ein nachhaltiges Management für den Kormoran zu entwickeln und umzusetzen.

Grafik - Zahl der Vergrämungsabschüsse im Land Brandenburg (Angaben der Staatlichen Vogelschutzwarte)

Grafik - Verteilung der Vergrämungsabschüsse zwischen Karpfenteichen und natürlichen Gewässern in Brandenburg für 2007 und 2008

Letzte Änderung: 25.10.2009 am 12:30:23


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